Samstag, 04.09.2010
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Extremsport fürs Gehirn
Nach außen wirkt Schach langsam, im Kopf sprinten allerdings die Gedanken um die Wette

 

 

von Christian Scherl

 

„Für mich ist Schach ein sinnvolles Hobby, mit dem ich die Stehzeiten bei Dreharbeiten verkürze. Es hält mich wach und schärft meine Konzentration. Ich kann das jedem empfehlen.“ Diese Aussage stammt vom kalifornischen Gouverneur, und die steirische Eiche entspricht ja nicht gerade dem, was wir uns unter dem typischen Schachspieler vorstellen. Das tun Fußballer in der Regel auch nicht und trotzdem outen sich immer mehr Ballkünstler als Schachstrategen. Etwa FC-Bayern-Trainer Felix Magath, der auf Grund der Figuren am Schachbrett Parallelen zum Mannschaftssport sieht: „Schachspiel kommt ohne Zufälle aus. Dadurch lernte ich, dass man auch das Fußballspiel so begreifen kann. Alles hat seinen Grund, jede Aktion eine Begründung. Ich habe praktisch aus dem Schach die Theorie für den Fußball abgeleitet. Jeder Fußballer sollte Schach spielen, um besser die Strategie des Fußballs zu verstehen.“ Bei solchen Tönen verblüfft es eigentlich auch nicht mehr, dass selbst Boris Becker und die Klitschko-Brüder zur Fangemeinde des Denksports zählen. Der Tennisspieler ließ in einer Pressekonferenz einmal wissen: „Mit Schach schule ich mein Gefühl für Geometrie, was für Tennis und Schach gleichermaßen wichtig ist“, und die beiden Boxer sehen zwischen Schach und Boxen eine Art Verwandtschaft: „Bei beiden Sportarten kommt es auf die richtige Strategie an“. Die neueste Sportkreation „Schach-Boxen“ geht sogar noch einen Schritt weiter. Der Begründer und Wahlberliner Lepe Rubingh sieht im Schach-Boxen Berührungen auf symbolischer Ebene: „Die Türme sind deine Gerade, der Springer ist wie ein Haken.“

 

Schach als Spiegelbild des Lebens

Ständiger Wechsel aus Angriff und Verteidigung

 

Noch herrscht Ruhe, Frieden und Ordnung am Brett. 64 abwechselnd schwarze und weiße quadratische Felder. Gegenüber nehmen je 16 schwarze und 16 weiße Figuren Aufstellung. Auf den ersten Blick mögen das nur acht Bauern, zwei Türme, zwei Springer, zwei Läufer, eine Dame und ein König sein, doch blicken wir genauer hin – das Schachbrett ist ein Spiegelbild der Welt. Setzen Sie die Figuren mit Soldaten, Politikern oder Sportlern gleich. Jeder hat seine fixe Position und Rolle. Und nun geht’s los. Das Spiel beginnt. Die Ausgangsposition ist immer die Gleiche, doch jedes Handeln kann zu neuen, nie dagewesenen Situationen führen. Passe ich nicht auf, nutzt das dem Konkurrenten. Macht der Gegner Fehler, habe ich die Oberhand. Wichtig ist, dass man möglichst weit voraus planen kann. Das ist die große Stärke guter Schachspieler – sie spielen unzählige Möglichkeiten im Kopf durch. Eigenschaften, die auch im Alltag weiterhelfen – man entwickelt ein gesundes Maß an Risikobereitschaft. Richtige Schritte werden belohnt, falsche bestraft.

 

Setzen Sie die Vergesslichkeit schachmatt. Schach ist Jogging fürs Gehirn. Täglich überrollen die menschliche Wahrnehmung Milliarden von Informationen. Das Ultra-Kurzzeitgedächtnis muss innerhalb weniger Sekunden entscheiden, ob gerade eintreffende äußere Reize aus dem Gedächtnis „rausfliegen“ oder als Erinnerung weiterverarbeitet und eventuell sogar im Langzeitgedächtnis archiviert werden. Durch Schachspielen kann man das Gehirn darauf trainieren, mehr Informationen aufzunehmen. Wenn Sie so wollen: Schach wirkt wie Muskeltraining – nur eben für „graue Zellen“. Das hat auch abseits des Schachbretts seine Vorteile: Die Konzentrationsfähigkeit nimmt allgemein zu und auf plötzlich neu auftretende Gegebenheiten kann man wesentlich rascher und klüger reagieren, denn durch das Schachspiel lernt man strategisch zu Denken und zu Handeln. Erfolg stellt sich nur ein, wenn die Strategie für den Gegner „undurchschaubar“ wird. Das bedeutet: Gute Schachspieler müssen ihr Gehirn ganzheitlich aktivieren. Sie sind sozusagen „Extremsportler“ auf diesem Gebiet.

 

Psychotricks beim Schachspielen. Uhrenticken, Handyklingeln, Husten, Bewegungen, die man im Augenwinkel wahrnimmt – all das kann im Moment, wo man möglichst viele Züge voraus denken möchte, irrsinnig störend wirken. Bei Schach-Wettkämpfen herrscht sogar Handyverbot. Bei vielen Spielern erkennt man anhand der Körpersprache den aktuellen Spielverlauf. Bereits ein Stirnrunzeln kann die Karten aufdecken. Manche Denker bringt scheinbar nichts aus der Ruhe. Außer die Psychotricks des Gegners. Wie etwa in den 70er Jahren, beim Duell Russland gegen Amerika – Spasski gegen Fischer. Der Russe war damals bei der WM der festen Überzeugung, die amerikanischen Zuseher in den ersten Reihen würden ihn hypnotisieren. Zu Zeiten des „Kalten Krieges“ waren solche Schlachten politische Machtkämpfe.

 

Schachhochburgen. Nach dem Triumph von US-Supergenie Bobby Fischer setzten sich die Russen wieder an die Weltspitze. Zuerst Anatoli Karpow und schließlich brach die Zeit des weltbesten Spielers Garri Kasparow an, der heuer überraschend seinen Rücktritt aus dem Profisport bekannt gab. Dennoch führt Russland weiterhin die Schach-Weltrangliste an, gefolgt von der Ukraine und den USA. Lassen Sie sich von der Ost-West-Dominanz nicht erschüttern. Seit dem 16. Jahrhundert mischten auch die Europäer um die Favoritenrolle mit. Zu Beginn hieß die Schachhochburg Spanien, im 18. Jahrhundert Italien, im 19. Frankreich und England und auch die Deutschen waren stets gefährlich (wie in nahezu allen Sportarten). Schach hat aber auch in Österreich einen hohen Stellenwert. Johann Baptist Allgaier machte es im 18. Jahrhundert in Wien salonfähig. Vor allem in den Kaffeehäusern war das Brettspiel sehr beliebt. Heute gibt es rund 500 Schachvereine in ganz Österreich mit etwa 15.000 Mitgliedern. Profimäßig übt es allerdings nur ein Österreicher aus. Der Wiener Nikolaus Stanec. Er hält seit Jahren den Staatsmeistertitel und darf sich bereits „Großmeister“ nennen. Um die internationale Schachkrone „streiten“ aber andere. Weltmeisterschaften werden vom Weltverband FIDE (Fédération Internationale des Échecs) seit 1886 ausgetragen. 1993 kam es zu Unstimmigkeiten, vor allem mit dem damals amtierenden Weltmeister Garri Kasparow, der daraufhin die PCA (Professional Chess Association) gründete, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Die FIDE dagegen existiert nach wie vor. Alle zwei Jahre organisiert die FIDE auch eine Schacholympiade, der bedeutendste Mannschaftswettbewerb im Schach. Info: verband@chess.at, www.chess.at 

 

Den Artikel in voller Länge plus Interview mit Großmeisterin Eva Moser sowie einen Schachcomputertest finden Sie in der gedruckten Ausgabe des Wellness Magazins. 

 

 


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